Noémie Baumberger, Longirod, VD
Noémie liebt das Blackenstechen und die Stierenzucht
Franziska Schawalder – Noémie Baumberger aus Longirod / VD hat am 1. Januar 2026 in vierter Generation den Betrieb von ihrem Vater Alain übernommen. Grossvater Roland, ein Pionier von Mutterkuh Schweiz, hat der jungen Frau nicht nur das Traktorfahren beigebracht, sondern auch die Leidenschaft für die Tierzucht mit auf den Weg gegeben. Und dies sehr erfolgreich.
«Die Landwirtschaft liegt Noémie im Blut», schmunzelt Grossmutter Marguerite Baumberger, die zugunsten des gemeinsamen Mittagessens sogar einen privaten Termin verschoben hat. Sie ist sichtlich stolz auf ihre Enkelin: «Bereits als kleines Mädchen war für Noémie klar, dass sie Landwirtin werden möchte.» Mit der Übernahme des Hofes zu Beginn dieses Jahres hat sich der Kindheitstraum der jungen Frau mehr als erfüllt. Vor ihr waren drei Männer am Zepter. Während ihr Urgrossvater gemolken hat, stellte ihr Grossvater, Roland Baumberger, in den 70er-Jahren auf Mutterkuhhaltung um und gehörte zu den Pionieren von Mutterkuh Schweiz (damals noch SVAMH). Leider kann er das 50-Jahr-Jubiläum der Organisation im Jahr 2027 nicht mehr mitfeiern. 2008 ist er mit 73 Jahren verstorben. «Noémie und Roland hatten ein enges Verhältnis und ich bin sicher, dass er stolz auf seine Enkelin wäre», hält
Marguerite fest. Die 83-jährige mehrfache Gross- und Urgrossmutter erinnert sich gerne an die frühen Jahre von Mutterkuh Schweiz und zeigt mir den Entwurf eines Gratulationsschreibens, das ihr Mann Roland am 10. April 1992 für Hans Burger, Gründungsmitglied und erster Präsident von Mutterkuh Schweiz, verfasst hat. Dieser wurde damals in den 90er Jahren zum Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft gewählt.
Erfolgreiche Züchterin
Grossvater Roland hat Noémie das Traktorfahren beigebracht und ihr die Leidenschaft für die Tierzucht mit auf den Weg gegeben. Was Letzteres angeht, hat sie natürlich auch von Vater Alain profitiert: «In meinen aktuellen Zucht-Erfolgen stecken die ganze Arbeit und das Herzblut meines Vaters mit drin.» Mit ihrem Rind Edelweiss konnte sie anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums von Swiss Angus drei Siege verbuchen: in der Kategorie Rinder III, der Kategorie «Best presentation» und als Overall Champion. «Mir war schon klar, dass Edelweiss ein grossartiges Rind ist, aber dass sie gleich so erfolgreich abschliessen würde, war dann doch eine grosse Überraschung», freut sich die junge Züchterin.
Der Auszeichnungen nicht genug: Ihr Stier Macaron wurde anlässlich des Januar-Stierenmarktes zum Angus-Champion erkoren. Nebst dem Blackenstechen – und das ist kein Witz – zählt die Stierenzucht zu Noémies Lieblingsbeschäftigungen auf dem Betrieb.
«Fürs Blackenstechen steige ich jeweils auf mein E-Bike und fahre zu den Feldern, die ich säubern muss. Diese Arbeitszeit nutze ich zum Nachdenken und befolge damit auch den Rat meiner Mutter Evelyne, mir etwas Zeit für mich selbst zu nehmen.» Das E-Bike braucht die Sportlerin, deren Partner Mathieu als Stahlbauer ein eigenes Unternehmen führt, nur als Verkehrsmittel. Ansonsten ist die begeisterte Alpinistin vor allem auf Ski- und Hochtouren, in Joggingschuhen, auf den Langlaufskiern oder dem Mountainbike anzutreffen. Auf die Frage, woher sie die Zeit nimmt, betont sie, dass sie seit der Hofübernahme seltener in den Bergen unterwegs ist. Grossmutter Marguerite hört zu und meint schmunzelnd: «Noémie ist ein Bewegungsmensch. Auf dem Hof sehe ich sie kaum gehen sie rennt eigentlich immer von einem Ort zum andern.» Noémi lacht und erzählt, dass ihr vor kurzem jemand gesagt habe, dass sie ihn an eine fleissige Biene erinnere.
Vielseitiger Betrieb mit 62 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche
Der Betrieb Baumberger liegt auf 900 m ü. M. und somit in der Bergzone I. Er zählt insgesamt 62 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, davon sind 30 Pachtland. Rund die Hälfte entfällt auf Wiesen und Weiden, auf dem Rest baut die 34-Jährige zusammen mit ihrem Team – dazu gehören nebst ihrem 58-jährigen Vater Alain auch der Lernende Paul (17 Jahre) und seit kurzem ihr Angestellter Jules (21 Jahre) – in Fruchtfolge Weizen, Gerste, Triticale, Raps, Zichorienwurzel, Mais, u.v.m. an. Ihr Land ist verstreut und so steigen wir kurz nach meiner Ankunft ins Auto, um eine Mutterkuhherde auf eine neue extensive Weide zu begleiten. Die Kühe lassen sich nicht zweimal bitten. Während sich die Vierbeiner über das frische Gras freuen, staunt die Besucherin über den schönen Flecken Erde und die grandiose Aussicht: Von den Walliser Alpen über den Montblanc bis hin zum Jet d’eau in Genf erstreckt sich ein wunderbares Panorama. Unweit von hier liegt die Alp La Goncerue, die Noémi pachtet und auch betreut. Dort weidet
allerdings nur ein Teil ihrer Tiere, die anderen verteilt sie von Mai bis September auf vier weitere Alpen (La Neuve / VD, Les Landes / VD, Les Verrières / NE und Leysin / VD), die von Hirtinnen und Hirten betreut werden. Die meisten Abkalbun-gen finden bei Baumbergers von Ende Juli bis Oktober auf der Weide statt. Obwohl der Wolf in ihrer Region ein Thema ist, hatten sie bis jetzt keine Probleme.
In der Oberstufe, die Noémie 20 Kilometer vom Dorf entfernt besuchte, wurde sie von ihren Klassenkameradinnen und
-kameraden für ihren Berufswunsch belächelt. Die gute Schülerin liess sich nicht beirren, im Gegenteil. Für sie war klar: Ich werde Landwirtin. Ihre zwei jüngeren Brüder zeigten kein Interesse am Betrieb. Das erste Lehrjahr absolvierte Noémie auf einem Milchviehbetrieb in Lohnstorf / BE, das zweite auf einem Mutterkuhbetrieb in Grafenried / BE. Die Landwirtschaftsschule besuchte sie in Moudon / VD. Alles in allem ist Noémie bereits 15 Jahre auf dem Familienhof tätig. Seit 2018 kümmert sie sich um die Buchhaltung. «Für diese Aufgabe hat mir die berufsbegleitende Ausbildung zur Agrotechnikerin HF sehr viel gebracht», betont sie. Während dieser Zeit absolvierte sie auch ein Praktikum beim Verband Prometerre in Lausanne. Zudem war sie ein halbes Jahr in Südamerika auf verschiedenen Landwirtschaftsbetrieben tätig, davon ein Monat auf Reisen mit ihrer Cousine. Weitere berufliche Erfahrungen ausserhalb des eigenen Hofes sammelte sie bei Agroscope in Changin als Feldmitarbeiterin.
Noémie hat verschiedene Projekte am Laufen
Wer das Privileg hat, ein paar Stunden mit der umtriebigen Landwirtin verbringen zu dürfen, erweitert nicht nur sein Wissen, sondern spürt auch diese Energie, diese Schaffenslust, staunt über ihre Ideen und ihre Weitsicht. Sie liebt Herausforderungen, ist ehrgeizig und probiert gerne Neues aus – privat wie beruflich. Letztes Jahr hat sie erstmals als Trailrunnerin an der Patrouille de la Dôle teilgenommen und ist gleich als Zweite ins Ziel gelaufen. Auch ihre berufliche Neugierde ist nicht zu stoppen. So hat sie beispielsweise letztes Jahr auf drei Hektaren Ackerland die Pflanze Silphie (Silphium perfoliatum) gesät. Diese Pflanze – in einem bestimmten Entwicklungsstadium geschnitten soll sie rund zweimal mehr Proteine liefern als Mais – kann 15 bis 20 Jahre alt werden, wird von den Wildschweinen verschmäht, von den Bienen geliebt, schützt den Boden vor Erosion, ist sehr dürreresistent und erfordert kaum Produktionsmittel. Kein Unkraut kann mit der Silphie konkurrieren; sie braucht lediglich mehr Zeit, um Fuss zu fassen – so wurde es ihr von ihrem Berater mitgeteilt. «Mein Vater ist nicht begeistert, vor allem wegen all dem Unkraut, das aktuell den Boden bedeckt», erklärt die junge Frau schmunzelnd. Sie nimmt es gelassen: «Ich bin gespannt auf die erste Ernte. Wenn es nicht klappt, war es zumindest einen Versuch wert.»
Ein zweites Projekt dient vor allem der Biodiversität. Auf knapp einer Hektare Wiesland hat Noémie zusammen mit ihrem Team 300 Hochstammbäume gepflanzt und verschiedene Nistkästen für Vögel und Wildbienenhotels platziert. «Wenn die Bäume Früchte tragen, könnte ich beispielsweise in der Region eine
Daran halte ich mich.» Insgesamt besitzt Noémie 65 Kühe mit Kälbern und drei Stiere. Normalerweise hat sie die Tiere auf vier Herden aufgeteilt, jetzt, so kurz vor der Alpung, sieht es etwas anders aus. Pro Jahr verkauft sie 10 Stiere, 15 Aufzuchtrinder behält sie für den eigenen Bestand, rund 10 Stiere liefert sie nach rund eineinhalb Jahren als Premium-Beef Angus oder Black Angus und 5 weitere Tiere schlachtet sie für den Eigenbedarf und die Direktvermarktung. Womit wir bei einem weiteren spannenden Kapitel in Noémie Baumbergers Leben wären: der Coopérative Dorignol. Dieser Kooperative gehören 25 landwirtschaftliche Produzentinnen und Produzenten aus der Region (im Umkreis von 15 Kilometern) an, die gemeinsam einen Laden in Longirod betreiben. Bis vor kurzem war der Shop an vier Tagen pro Woche während einiger Stunden geöffnet. Als Präsidentin hat Noémie zusammen mit dem Vorstand dafür gesorgt, dass ab Mai dieses Jahres ein hybrides Verkaufskonzept vorliegt. Das heisst, dass zu gewissen Zeiten immer noch eine Verkäuferin vor Ort ist und ansonsten von 06.00 bis 21.00 Uhr mithilfe des Smartphones der Laden auf eigene Faust betreten werden kann.
Präsidentin der Coopérative Dorignol
Ein Besuch beim erfolgreichen Rind Edelweiss darf nicht fehlen. Es weidet zusammen mit anderen trächtigen Rindern und einem Stier ein paar Autominuten entfernt vom zukünftigen Obstgarten. Die Neugierde der Vierbeiner ist gross, aber Noémie kennt ihre Tiere und sie hat einen Stock dabei:
«Mein Grossvater hat mir von klein auf eingeschärft, dass es sich bei aller Verbundenheit immer noch um Tiere handelt und ich zur Sicherheit immer einen Stock dabeihaben soll. Daran halte ich mich.» Insgesamt besitzt Noémie 65 Kühe mit Kälbern und drei Stiere. Normalerweise
hat sie die Tiere auf vier Herden aufgeteilt, jetzt, so kurz vor der Alpung, sieht es etwas anders aus. Pro Jahr verkauft sie 10 Stiere, 15 Aufzuchtrinder behält sie für den eigenen Bestand, rund 10 Stiere liefert sie nach rund eineinhalb Jahren als Premium-Beef Angus oder Black Angus und 5 weitere Tiere schlachtet sie für den Eigenbedarf und die Direktvermarktung. Womit wir bei einem weiteren spannenden Kapitel in Noémie Baumbergers Leben wären: der Coopérative Dorignol. Dieser Kooperative gehören 25 landwirtschaftliche Produzentinnen und Produzenten aus der Region (im Umkreis von 15 Kilometern) an, die gemeinsam einen Laden in Longirod betreiben. Bis vor kurzem war der Shop an vier Tagen pro Woche während einiger Stunden geöffnet. Als Präsidentin hat Noémie zusammen mit dem Vorstand dafür gesorgt, dass ab Mai dieses Jahres ein hybrides Verkaufskonzept vorliegt. Das heisst, dass zu gewissen Zeiten immer noch eine Verkäuferin vor Ort ist und ansonsten von 06.00 bis 21.00 Uhr mithilfe des Smartphones der Laden auf eigene Faust betreten werden kann.
Tochter und Vater haben die Rollen getauscht
Noémie schätzt ihren Vater Alain, der 1998 den Hof von seinem Vater übernommen hatte, sehr. Trotzdem gibt es seit der Hofübergabe und dem damit verbundenen Rollentausch hin und wieder Diskussionsbedarf. Nicht zuletzt, weil die beiden vom Typ her sehr verschieden sind. Während sich Alain mit Entscheiden schwertut, ist die Tochter das Gegenteil. Nicht, dass sie Schnellschüsse produziert, aber wenn sie sich entschieden hat, dann bleibt es dabei. Ein Coach hat Noémie und Alain nach der Übernahme geraten, einmal pro Monat auswärts miteinander essen zu gehen, ohne über die Arbeit zu reden. «Das ist gar nicht so einfach, aber es ist wertvoll», sagt Noémie. Grossmutter Marguerite Baumberger beobachtet
die beiden auf ihre ruhige und freundliche Art: «Der Rollentausch ist für beide eine Herausforderung. Mal hat Noémie recht, mal Alain, aber ich unterstütze Noémie auf ihrem Weg und bin stolz auf sie.»