Mischa und Mirjam Müller, Schöfflisdorf, ZH
«In der Schweiz Landwirt zu sein, ist ein Privileg»
Franziska Schawalder – In Schöfflisdorf / ZH, unweit der Stadt Zürich, am Nordhang der Lägeren liegt der Mutterkuhbetrieb Weidhof. Seit 2021 wird er in dritter Generation von Mischa und Mirjam Müller geführt. Vor kurzem sind sie nach reiflicher Überlegung Mitglied von Mutterkuh Schweiz geworden. Aktuell steht erst eine einzige für die Labelproduktion anerkannte Kuh im Stall. Zusammen mit der Familie sind wir gespannt, wohin die Reise geht.
«Hoi Franziska, um 13.10 Uhr bringe ich meine Tochter in die Schule und könnte dich beim Bahnhof abholen. Dann müsstest du bei dieser Hitze nicht laufen. LG Mischa». Wow – auf dieses Angebot greife ich noch so gerne zurück. Zeigt das Thermometer an diesem Juni-Tag doch einmal mehr über 35 Grad an. Mensch und Tier leiden gleichermassen. «Die Kühe hätten so viel Platz, aber sie quetschen sich in die hinterste Ecke der grosszügigen Liegefläche», bemerkt Mischa, als wir kurz darauf bei ihm im Kuhstall stehen. Auch die 430 Bio-Legehennen, die ansonsten gerne draussen im Auslauf unterwegs sind, weilen alle im Stall. Nur die hübschen Zwerg-Cochin-Hühner Elsa, Sindy und Mini mit Hahn Henry präsentieren sich der Besucherin. Ihr Dasein schulden sie vor allem der Bauernhofspielgruppe «Kikeri-Muh», die jeden Freitagmorgen mit maximal zwölf Kindern auf dem Hof Einzug hält. Die drei Alpakas, die unterhalb des Hauses in einem Unterstand Schutz vor der gleissenden Sonne suchen, beobachten uns mit der gewohnten Mischung aus Neugier und Distanz. Auch sie wurden zum einen für die Spielgruppen-Kinder in die Hofgemeinschaft aufgenommen, zum
andern dienen sie als Wächter gegen Raubtiere für die Legehühner. Mirjam Müller ist als ausgebildete Bauernhofspielgruppenleiterin hauptverantwortlich für diesen Betriebszweig, wobei Mischa sie aktiv und gerne unterstützt. «Uns geht es vor allem um Sinneserfahrungen. Je nach Wetter verbringen wir die Zeit mit den Kindern draussen bei den Tieren oder im Garten. Bei schlechtem Wetter steht uns der ehemalige Rossstall zum Malen oder Basteln zur Verfügung», erzählt der Schöfflisdorfer. Diese Begeisterung für Kinder spürt man auch im Umgang mit seinem eigenen Nachwuchs – der achtjährigen Jael, dem fünfjährigen Jonas und Baby Lias, das erst vor kurzem zur Familie gestossen ist.
Vier Generationen im gleichen Wohnhaus
Während Mischa den Bagger eines Nachbarn in Empfang nimmt, werde ich von Jael und Jonas auf einen Hofrundgang mitgenommen. Dazu gehört unter anderem ein Besuch beim Zwerghasennachwuchs und eine kurze Einführung in die Wohnsituation. Insgesamt leben vier Generationen im neuen Wohnhaus: die fünfköpfige Betriebsleiterfamilie, Mischas Eltern Kurt (67 Jahre) und Silvia (65 Jahre) Müller-Gnehm sowie Kurts Mutter Lina Müller-Maag (94 Jahre). Worüber ich staune, ist für die Kinder ganz normal. «Schau – da rechts wohnen wir, oben links Omi und Opi und unten die Papi-Grosi», erzählt Jael frisch von der Leber weg, rennt zur Schaukel und präsentiert ihre neusten Zirkuskünste. Für die Erwachsenen ist es nicht immer gleich einfach, aber sie bleiben im Gespräch, achten aufeinander und respektieren sich gegenseitig. Auf dem Hof gilt dies im Besonderen für Mischa und Kurt. 2021 haben Mischa und Mirjam, beide 38 Jahre alt und seit zehn Jahren verheiratet, den Betrieb von Kurt und Silvia in dritter Generation übernommen. Vor der Hofübernahme war der Jungbauer bei seinen Eltern angestellt, danach gab es bis zur Pensionierung der Eltern einen Rollenwechsel. Kurt war zeitlebens ein passionierter Landwirt mit einer grossen Leidenschaft für seine Tiere. Dazu gehörten nebst den Mutterkühen auch Dorperschafe
sowie Pensionspferde. «Bei mir stand immer der Hof im Vordergrund und die Familie an zweiter Stelle», hält Kurt fest, nur um Sekunden später selbstkritisch hinzuzufügen: «Leidenschaft kann auch hinderlich sein. Rückblickend bin ich meiner Frau Silvia sehr dankbar, dass sie das alles mitgemacht hat. Habe ich doch ihren Freigeist erst im Alter so richtig schätzen gelernt.» Mischa, der gemäss eigenen Angaben mehr den weltoffenen und vor Ideen sprudelnden Charakter seiner Mutter Silvia (gelernte Pflegefachfrau und Bäuerin) geerbt hat, bezeichnet sich als weniger passionierten Tierhalter. Ueli Rindlisbacher (Mitglied bei Mutterkuh Schweiz), ein guter Freund von Mischa, führt diese Selbsteinschätzung darauf zurück, dass der Schöfflisdorfer ein absoluter Perfektionist ist und deshalb die Arbeit mit den Mutterkühen lieber dem Vater überlassen hat. Damit dürfte er richtig liegen. Hält der Jungbauer im Verlaufe des Gesprächs doch fest: «Seit mein Vater pensioniert ist, übernehme ich bei den Kühen mehr Verantwortung und somit steigt auch mein Interesse an der Mutterkuhhaltung.» Diesem gesteigerten Interesse, der «Überzeugungsarbeit» von Matthias Schwarz (Mitglied und Mitarbeiter von Mutterkuh Schweiz sowie Bruder von Mirjam Müller) und intensiven Gesprächen mit Freunden sei Dank, dass Mischa und Mirjam Müller seit dem 28. April 2026 Mitglied von Mutterkuh Schweiz sind. Mischa hat sich diesen Schritt mehrfach durch den Kopf gehen lassen. Er ist ein sehr überlegter Mensch, der sich intensiv mit sich und der Welt auseinandersetzt, seine Gedanken reflektiert und seine Ideen gerne auch mal weitergibt. «Ich bin kein Vorprescher. Lieber verbreite ich meine Ideen mal im Freundes- und Bekanntenkreis und schaue, wie es bei den anderen hinhaut», schmunzelt er.
Gründe für Mitgliedschaft: Berufsstolz, Vernetzung und Produktepreis
Der Weidhof umfasst 32 Hektaren Landwirtschaftliche Nutzfläche (LN), davon sind 12 Hektaren in Pacht. 1967 wurden Kurts Eltern, Lini und Ruedi Müller-Maag, infolge der Arrondierung aus dem Dorfkern ausgesiedelt. Der grösste Teil der LN liegt in der Nähe des Hofes, einzig die extensiven Öko-Flächen befinden sich auf der anderen Dorfseite. Zu den 32 Hektaren zählen auch 180 Aren Wald und 13 Hektaren Acker in Fruchtfolge. Dort baut Ackerbauer Mischa Urdinkel, Edelweiss, Weizen, Gersten, Erbsenmischung, Körnermais, Kunstwiese und dieses Jahr erstmals Zuckerrüben an. Die Mutterkuhhaltung an sich ist nicht neu auf dem Weidhof. Kurt, dem die schonende und naturgerechte Produktion am Herzen liegt, hat 2004 auf Bio und fast zeitgleich auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Während einigen Jahren war er Mitglied bei der SVAMH bzw. Mutterkuh Schweiz. «Aber ja – als es immer mehr Auflagen gab, passte es mir nicht mehr. Zumal mir die Direktvermarktung wirklich viel Spass bereitete», gibt er unumwunden zu. Bei Mischa sieht die Sache anders aus: «Ich bin nicht der Typ für die Selbstvermarktung. Es braucht so viel Zeit. Diese stecke ich lieber in die Familie und meine Fachgebiete, den Ackerbau und die Maschinen.» Aus diesem Grund hat er die Zusammenarbeit mit Silvestri gesucht. Aktuell verkauft er seine
Tiere als Silvestri Bio-Weiderind. Nach vielen Gesprächen mit Schwager Matthias und Freund Ueli Rindlisbacher ist er nun aber der Meinung, dass es für ihn durchaus Sinn macht, seine Tiere in Zukunft über Mutterkuh Schweiz zu vermarkten und hat sich für eine Erstkontrolle angemeldet. Als Gründe nennt er den bei den Mutterkuhhalterinnen und -haltern spürbaren Berufsstolz, die Vernetzung mit Gleichgesinnten und das Involviert-Sein in einem Verein. Und last but not least natürlich den guten Preis für die Labels von Mutterkuh Schweiz. Er hat sich gleich für alle Kanäle angemeldet, auch wenn im Moment erst eine seiner insgesamt elf Kühe, die er alle künstlich besamt, bei Mutterkuh Schweiz für die Labelproduktion anerkannt ist. Aktuell überlegt er sich einen Rassenwechsel auf Angus, um anschliessend vor allem Natura-Beef-Bio zu produzieren.
Nebst den bereits erwähnten Betriebszweigen – Mutterkuhhaltung, Legehennen, Ackerbau und Spielgruppe – haben Müllers noch 150 Hochstammobstbäume (fast alles Birnen, mit denen im Nachbardorf Birnel produziert wird) und seit November 2025 ein Hoflädeli, in dem sie nebst verschiedenen, nicht tiefgekühlten Produkten auch ihre Bio-Eier verkaufen. Zudem bieten sie der Bevölkerung die Möglichkeit, selbst Kirschen zu ernten. Mirjam, die sich aktuell im Mutterschaftsurlaub befindet, hat Logopädie studiert und bis vor einem Jahr 50 Prozent auswärts gearbeitet. Neu wird es noch ein Tag pro Woche sein. Sie ist mit Bruder Matthias und zwei weiteren Geschwistern auf einem Hof im Aargau aufgewachsen und pflegt nach wie vor einen guten Kontakt zu ihrer Familie. Auch Mischa ist mit drei Geschwistern auf dem Weidhof aufgewachsen.
Wertvolle Arbeitserfahrungen in Südamerika und Kanada gesammelt
Während Kurts Berufswunsch von Kindsbeinen an klar war, machte Mischa erst mal eine Lehre als Forstwart, absolvierte die Durchdiener-RS und träumte von Kanada. Dort wollte er unbedingt einmal auf einer Farm arbeiten und mit den grossen Maschinen über die riesigen Felder fahren. Was er nicht wusste, war, dass er für ein Arbeitsvisum ein Zertifikat als ausgebildeter Landwirt vorweisen musste. So reiste er erst mal sechs Monate nach Südamerika, arbeitete in Paraguay in der Viehwirtschaft und in Bolivien in der Soja-Produktion (dort sind die Regeln noch etwas flexibler). Anschliessend hat er seine Lehre als Landwirt auf einem Milchviehbetrieb in Güttighausen / ZH in Angriff genommen. «Rückblickend hätte es sich wohl gelohnt, wenn ich meine Lehrzeit etwas anders ausgerichtet und die Bio-Lehre absolviert hätte», sinniert Mischa bei einem Glas Wasser am Holztisch gleich neben dem Hoflädeli. Aber damals schien ihm das nicht so entscheidend. Hauptsache er hatte den Ausweis im Sack und konnte für 14 Monate in Kanada auf einer grossen Getreidefarm arbeiten. «Dort bin ich dann tage- und wochenlang mit den grossen Maschinen über riesige Felder gefahren. Was erst ein grosser Traum war, entpuppte sich mit der Zeit als langweilig. Die Maschinen machen sehr viel selbst und die Arbeit ist eintönig», erzählt er. Was ihn damals an den kleineren Flächen in der
Schweiz störte, erschien ihm plötzlich attraktiv und abwechslungsreich. Er weiss, wovon er spricht, wenn er sagt: «In der Schweiz Landwirt zu sein, ist ein Privileg.» Kein Wunder hat er nach diesem Aufenthalt noch eine Ausbildung zum Agrotechniker HF absolviert und anschliessend zusammen mit Mirjam den elterlichen Betrieb Weidhof übernommen.
Für einmal dauert meine Heimreise nur rund eine halbe Stunde. Ein guter Freund von Kurt chauffiert mich im kühlen Auto zurück zum Bahnhof Schöfflisdorf-Oberweningen. Dort blicke ich noch einmal hoch Richtung Weidhof und frage mich einmal mehr, ob ich es schaffe, all die Eindrücke, das Gesagte und Gesehene in ein «Zu Besuch» zu verpacken. Im Zug schaue ich mir das Kurz-Video mit Jael und Jonas nochmals an, das wir extra für Onkel Matthias aufgenommen haben. Ich muss schallend lachen und weiss: Ich werde es auch dieses Mal schaffen.