Andy Ball Nürensdorf, ZH
«Der Boden ist unser Kapital, das wir weitergeben»
Franziska Schawalder – Andy Ball bewirtschaftet seit 2021 den Bio-Betrieb Eichwaldhof in Nürensdorf / ZH. Seine Mutterkuhherde ist bunt gemischt und trägt vermehrt Hörner. Weshalb erfahren Sie in diesem Artikel. Lassen Sie sich überraschen von einem jungen und vielseitig interessierten Landwirt, der zusammen mit seiner baldigen Ehefrau Sarah Hauser gerne Neues ausprobiert.
Was hat es auf sich, wenn die Kundschaft per ÖV und Rucksack aus Lausanne anreist, um auf dem Eichwaldhof im zürcherischen Nürensdorf Fleisch einzukaufen? Andy Ball und seine Partnerin Sarah Hauser haben nicht nachgefragt, aber sie haben sich natürlich gefreut. So auch über die kürzliche Anfrage einer Universität aus den USA. Sie wollten mit einer Gruppe von Medizinstudierenden kurzfristig für eine Führung mit anschliessender Verpflegung auf dem Hof vorbeikommen. «Als gelernter Koch hätte ich das schon stemmen können, aber mein Fachenglisch hätte nicht ausgereicht. So habe ich sie an den nahen Strickhof verwiesen», meint der 31-Jährige bescheiden. Der gebürtige Brüttner ist auf Zack. Bei allem, was er tut und macht. So wie er um die Mittagsstunde innerhalb kürzester Zeit ein wunderbares Menü auf den Tisch zaubert, fährt er später mit dem Heuwender über die frisch gemähte Wiese. Sechs Jahre hat er auf seinem Erstberuf als Koch gearbeitet. Unter anderem auch in London. «An meiner letzten Stelle musste ich die Reissleine ziehen. Ich arbeitete praktisch durch und kam nicht mehr zur Ruhe. Das hat sich auf meine Gesundheit
ausgewirkt», erzählt er. Zuhause auf dem Bio-Milchviehbetrieb seines Bruders und Vaters gab es genug zu tun. Andy war die Arbeit auf dem Bauernhof vertraut und es taugte ihm. So machte er eine Zweitausbildung als Landwirt. Das erste Lehrjahr arbeitete er auf einem Mutterkuhbetrieb mit Direktvermarktung in Wädenswil / ZH, das zweite in Schleitheim / SH auf einem Milchviehbetrieb. Zwischenzeitlich ist er ausgebildeter Betriebsleiter und Meisterlandwirt. «Damals wusste ich ja noch nicht, ob ich je die Gelegenheit erhalten würde, einen Hof zu führen und eine gute Ausbildung ist nie falsch», erklärt er seinen Werdegang. Als dann ein Nachbar, dessen Kinder kein Interesse an der Übernahme des Hofes hatten, auf die Familie zukam und seinen Mutterkuhbetrieb zur Pacht anbot, musste Andy nicht lange überlegen. Das war eine einmalige Gelegenheit. Liegt der Bio Betrieb doch in unmittelbarer Nähe zum Hof der Familie. Die Verpächter Hansjürg und Vreni Städeli stellten den ehemaligen Rindermastbetrieb 1996 auf Mutterkuhhaltung und 1997 auf biologische Landwirtschaft um, was zur damaligen Zeit ein mutiger Schritt war.
Gutes Verhältnis mit dem Verpächter
Nach Andys Zusage baute das Ehepaar das Wohnhaus um. Jetzt wohnt das junge Paar in der oberen Wohnung, das Ehepaar Städeli in der unteren. «Wir haben es sehr gut zusammen. Hansjürg hilft auf Anfrage, sofern er Zeit hat, gerne mit», erzählt Andy. «Dank ihm haben Sarah und ich ein Wochenende pro Monat frei und können auch gemeinsam Ferien machen.» Der Eichwaldhof – so heisst der Betrieb, seit ihn das junge Paar 2021 übernommen hat – liegt etwas oberhalb von Nürensdorf / ZH. Er ist wunderschön gelegen und bietet eine einmalige Aussicht in die Berge. Kein
Wunder, dass sich an schönen Tagen auch Spazierende in der Nähe und leider immer wieder mal auf der Weide tummeln. «Erst vor kurzem musste ich einen Spurt hinlegen, weil es sich eine Frau in den Kopf gesetzt hatte, das Kalb aus nächster Nähe zu fotografieren. Die Leute sind sich der Gefahr, der sie sich in diesem Moment aussetzen, überhaupt nicht bewusst», ist sich der Jungbauer sicher. Zum Hof gehören rund 28 Hektaren, die grösstenteils direkt beim Betrieb oder in der nahen Umgebung liegen. 15 Prozent des Landes bzw. rund vier Hektaren sind Ökofläche, auf denen Andy Öko-Heu produziert. Eine weitere Hektare ist Naturwiese. Auf den restlichen Hektaren produziert er in Fruchtfolge erst Gemüse, dann Weizen und anschliessend Kunstwiese. Auf den Wiesen lässt er die Kühe in Portionen weiden und erstellt mithilfe eines Lohnunternehmers Silageballen. Aktuell hat der junge Landwirt 29 Kühe, insgesamt 60 Tiere. Seine zwei Herden (eine davon ist galt) sind bunt gemischt mit F1, OB, Grauvieh und Simmentaler.
Auf Hörner umstellen
Was schnell auffällt ist, dass viele der Kühe Hörner haben. Nicht ohne Grund. Andy ist seit 2021 Mitglied bei Demeter und dort sind Kühe mit Hörnern vorgeschrieben (mit Ausnahme von Angus und Galloway). «Das Horn ist ein wichtiges Sinnesorgan und dient unter anderem der Kommunikation», erklärt der Nürensdorfer, der nach und nach die ganze Herde umstellen wird. Aktuell mit Hilfe eines Aubrac Stiers. «Mit den Hörnern ist Vorsicht geboten, aber bis jetzt hatte ich nie Probleme», zeigt er sich dankbar. Bei speziellen Kuh-Fragen wendet er sich an seinen jüngeren Bruder: «Kühe sind seine Leidenschaft und er hat ein riesiges Wissen.» Seine Natura-Beef-Bio liefert Andy grösstenteils an Vianco. Ein paar wenige Tiere verkauft er direkt ab Hof. «Das Fleisch ist so gefragt, dass wir grad schauen
müssen, dass auch für uns noch was übrigbleibt», erzählt Sarah lachend. Andy ergänzt: «Aufgrund der guten Preise macht es für uns im Moment aber keinen Sinn, die Direktvermarktung auszubauen.» Zumal Natura-Beef-Bio das ganze Jahr über gefragt ist.
Zusammenspiel von Boden, Pflanze, Tier und Mensch
Die Kuh steht auch bei Demeter im Zentrum und geniesst einen hohen Stellenwert – sowohl im biodynamischen Betriebskreislauf wie auch im Hinblick auf Düngung, Kompost und Bodenaufbau sowie Biodiversität. Zudem wird die Hofindividualität hoch geschrieben. Doch was heisst das genau? Gemäss Demeter geht es darum, den eigenen Hof so zu gestalten, dass es zu einem Zusammenspiel von Boden, Pflanze, Tier und Mensch kommt. Dies alles mit dem Ziel, durch die landwirtschaftliche Arbeit Menschen zu ernähren, zugleich aber auch einen guten Boden, vielfältige Landschaften, gesunde Tiere und eine gute Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Für Andy ist der Boden sehr wichtig: «Er ist unser Kapital, das wir weitergeben. Es geht darum, die Bodenfruchtbarkeit nicht nur zu erhalten, sondern auch zu verbessern.»
Um Mitglied von Demeter zu werden,
musste er den obligaten Kurs an der Ausbildungsstätte in Rheinau / ZH besuchen. Zudem bringt er auf seinen Feldern biodynamische Präparate in flüssiger Form aus und bildet sich regelmässig weiter. Wer den Nürensdorfer auf einem Feld-Rundgang begleitet, spürt schnell, wieviel Leidenschaft und Wissen hinter seiner Arbeit stecken. Aktuell produziert er Rüebli, Drescherbsen, Weizen und Speisesoja. Seine Kürbispflanzen zieht und setzt er selbst. «Unglaublich in welchem Tempo Andy jeweils diese vielen Kürbispflanzen während zwei Tagen in die Erde pflanzt», sagt Sarah und zeigt mir stolz eine Filmsequenz, die ihren baldigen Ehemann bei der harten Arbeit zeigt. Zudem bietet er seit April 2024 auf Bestellung ein Bio-Gemüseabo an. Hierzu arbeitet er mit einem anderen Bio-Bauern aus der Region zusammen. «Das ist sehr gut angelaufen», freut er sich. Zudem steht er auch in Kontakt mit einem anderen, nahe gelegenen Demeter-Landwirt. So weidete letztes Jahr beispielsweise dessen Schafherde auf dem Eichwaldhof. Der Nürensdorfer ist sehr offen und interessiert, liest viel und probiert einfach aus. So mischt er im Winterhalbjahr den Kälbern präventiv jeden dritten Tag Thymian ins Futter und macht sehr gute Erfahrungen damit. Ein Tannenast mit seinen ätherischen Ölen ist seiner Meinung nach aber nach wie vor das Beste zur Stärkung des Immunsystems.
In Bälde zu dritt
So detailliert sich der junge Landwirt mit seinem Boden (er nimmt immer wieder Bodenproben) und seinen Tieren beschäftigt, so viel Zeit schenkt er auch seiner Buchhaltung und erstellt eine Vollkostenrechnung. Bei all seinem Tun denkt er nicht zuletzt auch an das neue Familienmitglied, das im Herbst zur Welt kommen wird. Zusammen mit Sarah, die als Schulpsychologin arbeitet, möchte er dem Kind eine intakte Umwelt hinterlassen. Aktuell steht noch Hofhund Balu im Mittelpunkt. Der schöne Berner Sennenhund liebt es gestreichelt zu werden. Bald muss er sich die Aufmerksamkeit mit einem neuen Familienmitglied teilen. Sarah und Andy haben sich beim Boogie-Woogie-Tanzen kennengelernt. Sie hat keinen landwirtschaftlichen Hintergrund, interessiert sich aber sehr für die Arbeit ihres Partners, denkt und entscheidet mit und fühlt sich auf dem Eichwaldhof so richtig zuhause: «Für uns ist es ein Geschenk, dass unser Kind in dieser Umgebung aufwachsen darf.» Die 33-Jährige wird nach dem Mutterschaftsurlaub wieder ein paar
Tage pro Woche ihrer Arbeit nachgehen. Deshalb haben sich die beiden bereits nach einer passenden Kita umgesehen. Aktuell verbringt Andy noch jeden Tag Zeit mit seiner Stammfamilie. Da sie alle in der gleichen Region leben und arbeiten – seine Schwester ist gelernte Floristin und führt zusammen mit der Mutter einen Blumenladen sowie mehrere Selbstbedienungsstellen – treffen sie sich unter der Woche zum gemeinsamen Mittagessen. So muss nur eine Person den Kochlöffel schwingen. «Bedingt natürlich, dass wir alle kochen können», schmunzelt der gelernte Koch.