Petra Schmid, Herznach, AG
Chefin über Haus und Hof – jung, selbstständig und engagiert
Chiara Foroni – Oberhalb von Herznach / AG führt Petra Schmid seit 2019 ihren eigenen – inzwischen biozertifizierten – Landwirtschaftsbetrieb, den Hübstelhof. Dank einem starken Willen, viel Eigeninitiative und dem richtigen Umfeld bringt sie heute Mutterkuhhaltung, Acker- und Obstanbau, Biodiversität und Freizeit gut unter einen Hut. Passend zum UNO-Jahr der Landwirtinnen war Mutterkuh Schweiz bei ihr zu Besuch.
Stockfinster und kühl ist es, als ich mich um 06.34 Uhr von zu Hause auf den Weg zum Hübstelhof mache. Oben auf rund 450 m ü. M. angekommen, ist es fast hell – ein mystischer Start in den Morgen.
Die 30-jährige Meisterlandwirtin Petra Schmid empfängt mich herzlich. Sie wirkt aufgestellt und bodenständig – eine junge, dynamische Frau voller Energie, mit einem starken Willen und grosser Freude am Anpacken. Ich bin neugierig, wer hinter dieser Persönlichkeit steckt. Auch Hofhund Samba, ein grauer Lagotto Romagnolo, begrüsst mich aufgeregt. Bevor wir hinauf zu den Obstplantagen spazieren, helfe ich Petra im Stall die Mutterkühe mit Heu und Grassilage zu füttern. Gleich zu Beginn steigt mir ein angenehmer Geruch in die Nase. Luzerne sei das, klärt mich Petra auf.
Im Verlauf des Morgens erfahre ich, dass Samba nicht nur ein süsser Hofhund ist – sondern auch ein erfolgreicher Trüffelhund. Als wir im Kuhstall fertig sind, gehen wir ein
Stück entlang des Ackerlands. Nach gerade mal fünf Minuten beginnt Samba unter den Herbstblättern wie wild zu scharren. Petra reagiert umgehend. Der wuschelige Vierbeiner hat prompt seinen ersten Trüffel in der Schnauze – dann den zweiten, und den dritten! Petras schnelle Reaktion ist wichtig, denn Samba frisst die gute «Ware» auch gerne selbst. Rasch wird mir klar, dass die beiden ein perfektes Team sind – und ich schätze mich glücklich, einen frischen Trüffel geschenkt bekommen zu haben.
Hofübernahme reiflich überlegt
Bei einer Tasse Tee in der warmen Stube erzählt mir die junge Powerfrau mehr über den Hof und ihre Familie. Petra ist die Zweitjüngste von insgesamt acht Kindern. Von ihren Geschwistern riss sich niemand um den elterlichen Hof. Auch sie überlegte sich die Übernahme lange, bevor sie schliesslich zusagte. Wäre ihr Entscheid anders ausgefallen, meint sie, hätte vielleicht ihr jüngster Bruder, ein gelernter Landmaschinenmechaniker, es sich überlegt, den Betrieb zu übernehmen.
Eines Abends lud der Vater die ganze Familie an den runden Tisch und fragte, ob es für alle stimme, wenn Petra den Hof übernehme. Die junge Landwirtin erinnert sich schmunzelnd an diesen wichtigen Moment: «Alle waren froh, dass der Hof in der Familie bleibt.» In den Ferien oder an feierlichen Anlässen trifft sich die Familie gerne auf dem Hübstelhof und packt mit an, wenn sie Unterstützung braucht.
1975 zog die Familie Schmid – im Zuge der Aargauer Siedlungsentwicklung – vom Dorf auf den etwas höher gelegenen Hügel Hübstel – daher auch der Name. Das Bauernhaus der Familie Schmid besteht aus zwei Wohnungen. Früher lebte die
Grossmutter im unteren Stock, darüber die Grossfamilie. Heute wohnt Petra unten und ihre Eltern, Gaby und Hermann, oben. Ein Teil der unteren Wohnung wurde bereits renoviert und wirkt gemütlich modern. Meist essen die drei gemeinsam zu Mittag – Petra schätzt den guten Draht zu ihren Eltern.
Einige Landwirtinnen und Landwirte wissen schon von Kindsbeinen an, dass sie den elterlichen Hof einmal übernehmen möchten – nicht so Petra: «Früher war es für mich eher ein Muss, auf dem Betrieb mitanzupacken». Während ihre Freunde in den Schulferien oder an Mittwochnachmittagen freie Stunden genossen, half sie mit ihren Geschwistern auf dem Hof. Als Oberstufenschülerin schnupperte sie in verschiedenen Berufsbereichen. Das Interesse an der Landwirtschaft war damals zwar bereits da, aber der Respekt vor dem Umgang mit den Maschinen gross. Deshalb absolvierte sie Mitte 2014 zunächst die KV-Lehre beim Schweizer Bauernverband in Brugg. Gleich anschliessend nahm sie die zweijährige Lehre zur Landwirtin in Angriff.
Bevor sich die junge Aargauerin jedoch in diese lebensverändernde Situation stürzte, entschied sie sich, die Welt zu sehen. Mit 20 Jahren bereiste sie Kanada, wo sie unter anderem auch auf einer Farm mitarbeitete. «Die Dimensionen sind gewaltig und die Landmaschinen deutlich grösser als bei uns. 12 500 Hektar Land und mehrere Angestellte sind dort nichts Ungewöhnliches», erklärt sie. Vor Kanada machte sie noch einen Abstecher nach Neuseeland. Mit dem Camper erkundete sie die Nord- und die Südinsel.
Herrin über 32 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche
2019 übergab Hermann Schmid den Hof seiner damals erst 24jährigen Tochter. Im ersten Jahr hatte sie öfters das Gefühl, etwas zu verpassen. Während ihre Freundinnen an Openairs feierten oder Wanderungen in den Bergen unternahmen, kümmerte sie sich zu Hause um Haus und Hof. Insofern kam ihr die Coronazeit fast entgegen. Vieles war geschlossen und sie konnte bis spätabends arbeiten, ohne das Gefühl zu haben, dass ihr etwas entgeht.
Anlässlich der Hofübernahme fühlte sich Petra der Aufgabe als Betriebsleiterin noch nicht hundertprozentig gewachsen, sodass sie den Hof vorerst von ihren Eltern pachtete. Könnte diese zögerliche Haltung vielleicht etwas mit ihrer Rolle als Frau in der Branche zu tun haben? Auf jeden Fall machte die junge Landwirtin mit sich einen Deal aus. Sie gab sich fünf Jahre Zeit, um Erfahrungen zu sammeln. Fazit: Heute nennt sie die 32 Hektaren grosse Hügel-
zone Hübstel ihr Eigen, wobei rund ein Drittel Pachtland ist. Nebst der Mutterkuhhaltung und dem Ackerbau, die sie mit Leidenschaft betreibt, baut sie Obst – Birnen, Kirschen und Zwetschgen – an. Vor vier Jahren stellte sie den Betrieb auf Bio um und ist aktuell als Vorstandsmitglied bei Bio Aargau engagiert.
«Einen Hof zu leiten bedeutet, sich stetig weiterzuentwickeln. So denke ich immerfort über Innovationen und neue Projekte nach. Lohnt es sich oder soll ich nicht besser auf Altbewährtes setzen?», gibt die umtriebige Landwirtin zu bedenken. So entschied sie vor ein paar Jahren gemeinsam mit ihrem Vater, eine kleine Trüffelplantage anzulegen. 2025 wurde erstmals geerntet, wobei Samba momentan im Wald noch mehr Trüffel findet als in den Plantagen. Während Petra die knolligen Pilze derzeit noch im Freundeskreis verkauft, ist klar, dass sie die Ausbeute erhöhen möchte, damit sie die Trüffel künftig auch über einen offiziellen Verkaufskanal absetzen kann.
Die Herznacherin arbeitet zu hundert Prozent auf dem Hof. Vater Hermann hilft fast täglich mit. Auch ihr Partner, ein Arzt aus Basel, packt zwischendurch mit an – ob beim Obst pflücken oder wenn Vianco mitten in der Nacht ein Natura-Beef abholt. Bei der Unkrautbekämpfung oder während der Obsternte kommen auch Petras Mutter, Tanten und der Onkel gerne zu Hilfe. Dank all diesen treuen Helferinnen und Helfern kann sich Petra einen Ausgleich zum Alltag leisten und ihren Freizeitaktivitäten nachgehen. Seit vielen Jahren ist die Geräteturnerin im Turnverein STV Herznach, leitet deren Jugi, besucht mit ihrem Partner einen Lindy Hop Tanzkurs und geht – sofern noch etwas Zeit übrig bleibt – bouldern.
Vater und Tochter mit ähnlicher Einstellung
Als wäre der Alltag nicht schon intensiv genug, bietet die junge Frau zudem «Schule auf dem Bauernhof» an. «Ich mache das sehr gerne. Die Kinder sind interessiert, haben viele Fragen und sind dankbar», schwärmt sie. Pro Jahr besuchen etwa fünf Klassen den Hübstelhof, dürfen auf dem Traktor sitzen, beim «Mosten» helfen oder sich beim Vermahlen von Weizen versuchen.
Vor der Betriebsübernahme galt es für Petra und ihre Eltern, sich in ihren neuen Rollen zu finden. Im ersten Jahr stellte sich vor allem die Frage, wer welche Arbeiten übernimmt und wann Hinweise oder Rückmeldungen angebracht sind – ein Prozess, der wohl bei jeder Hofübergabe dazugehört.
Grundsätzlich teilen Vater und Tochter ähnliche Werte und Vorstellungen von Leben und Arbeit. Diese gemeinsame Haltung hat wesentlich zu einer respektvollen Zusammenarbeit beigetragen – und Hermann Schmid ist stolz auf seine Tochter und ihre Tätigkeit als Betriebsleiterin.
Am besten funktioniert die Arbeit jedoch, wenn man zusammenhält. Genau das ist auch die Idee des Netzwerks Betriebsleiterinnen Aargau (siehe unten). Für die Mitgliedsfrauen ist der
Arbeitskreis gemäss Petra sehr wertvoll: «Unter Männern werden oft andere Themen besprochen.» Vor der Zeit in der Arbeitsgruppe nahm sie alleine oder mit ihrem Vater an Treffen mit Landwirten teil: «Ich habe mich jeweils ziemlich verloren gefühlt in einem Raum voller Herren über 50. Da ist der Arbeitskreis unter den Betriebsleiterinnen schon emotionaler und unterstützender.» Wenn etwa eine Landwirtin schwanger ist und wissen möchte, wie andere Frauen solche Situationen gemeistert haben bzw. meistern oder wie man Lohngespräche mit seinem angestellten Partner führt, ist das Netzwerk genau der richtige Ort für diese Fragen. Von Zeit zu Zeit treffen sich die Frauen auf ihren Höfen zu Besichtigungen und zum Austausch. Übrigens – neue Mitglieder sind jederzeit willkommen.
Biodiversität – Leidenschaft und Zukunft
Schon zu Zeiten von Vater Hermann zählte knapp ein Drittel des Geländes als Biodiversitätsfläche, was ein überdurchschnittlich hoher Anteil ist. Petra sind die Tiere und ihr Land sehr wichtig. Seit der Umstellung auf Bio hat sie bereits viele spannende Entdeckungen gemacht. So haben sich etwa die Ohrenzwicker, die Blattläuse und andere Schädlinge bekämpfen, in den kopfüberhängenden Tontöpfen in den Obstplantagen stark vermehrt. Obschon die Biozertifizierung einiges an Mehrarbeit mit sich bringt – insbesondere die Obstbäume benötigen viel Pflege – lohnt sich der Aufwand. Auf dem Hof hat sich eine bemerkenswerte Naturvielfalt entwickelt. Plötzlich lassen sich seltene, teils sogar gefährdete Arten
wie der Wiedehopf im Hochstamm-Obstgarten beobachten. Genau aus diesen Gründen empfindet Petra ihre Arbeit als sinnvoll und wichtig: «Es geht nicht nur um hohe Erträge, sondern um ein funktionierendes Ganzes.»
Zu diesem Ganzen gehört auch ein kleiner Föhrenwald, und das nächste Projekt ist bereits im Gange: die Planung von Hecken in der sogenannten «Keyline»-Anordnung. Das Keyline Design steht für ein Konzept, das hilft, das verfügbare Wasser auf landwirtschaftlichen Flächen effizienter zu verteilen und zu nutzen. Also ideal geeignet für Hanglagen, wie es sie auf dem Hübstelhof gibt. Häufig wird es mit Agroforst-Methoden kombiniert. So soll es künftig auf ihrem Land auch einen Weiher geben.
Wenn man Petra allerdings nach ihrer Lieblingstätigkeit fragt, lautet ihre Antwort: «Mit meinen Tieren arbeiten». Aktuell stehen 13 Mutterkühe mit Kälbern der Rasse Simmental sowie Kreuzungstiere im Stall und auf dem Laufhof. Ausserdem hält sie fünf Hühner als Hobby – wobei kürzlich leider eines vom Habicht gerissen wurde.
Mein Besuch bei Petra neigt sich langsam dem Ende zu, und sie fährt mich mit ihrem grossen PW ins Dorf hinunter zur Bushaltestelle. Dankbar wende ich mich an sie und biete an, einmal auf dem Hof auszuhelfen. Lächelnd entgegnet sie: «Das haben schon manche angeboten und doch nie gemacht – trotzdem vielen Dank.» Doch diesen Betrieb möchte ich wirklich einmal in der Frühlingszeit erleben.
Arbeitskreis «Netzwerk Betriebsleiterinnen»
Dieser Arbeitskreis im Kanton Aargau dient Bäuerinnen und Landwirtinnen als Plattform für einen regelmässigen Austausch. Hier werden Herausforderungen thematisiert, Erfahrungen geteilt und verschiedene Themen angesprochen, die vor allem Frauen in der Landwirtschaft tangieren – meist auf einem Betrieb der Teilnehmerinnen. Mittlerweise gibt es in Bern und Zürich auch solche Arbeitskreise für Landwirtinnen.
Typische Inhalte eines Arbeitskreises
- Erfahrungsaustausch unter Profis
- Betriebsbesichtigungen
- Kostenvergleiche
- Diskussionen zu Fachfragen
- Diskussionen zu Fachfragen
Für Fragen oder eine definitive Anmeldung kann man sich hier melden:
- Rebekka Flury: flury@ag.ch
- Lisa Vogt Andermatt: vogt@ag.ch
- Petra Schmid: petra@hotmail.com
Anlässlich des UNO-Jahres der Landwirtinnen findet am 6. November 2026 in der Deutschschweiz (Aarau) und am 13. November 2026 in der Westschweiz (Yverdon) ein Netzwerkanlass statt.